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Routing-Regeln vs. KI-Screening im Intake: Entscheidungshilfe (ohne Tool-Chaos)

Wann ein Regelwerk reicht und wann KI im Intake wirklich sinnvoll ist – mit Entscheidungsmatrix, Risiken und minimalem Startsetup.

18. Dezember 2025Aktualisiert: 18. Februar 2026
Hinweis zur Qualität
  • Fokus: Prozess/Betrieb statt Tool-Hype
  • Stand: 18. Februar 2026
  • Keine Rechtsberatung – nur Organisations-/Prozessmodell
  • Wie wir arbeiten

Die Kernfrage

Jede Kanzlei mit Anfragevolumen stellt irgendwann die Frage: Reichen einfache Routing-Regeln oder brauchen wir KI-Screening?

Die Antwort ist nicht „KI ist besser" oder „Regeln reichen". Die Antwort hängt ab von: Volumen, Datenqualität und Toleranz für Fehlzuordnungen.


Was Routing-Regeln tatsächlich tun

Routing-Regeln sind deterministisch: WENN Bedingung DANN Aktion.

Beispiel:

  • WENN rechtsgebiet = „Arbeitsrecht" UND dringlichkeit = „hoch" DANN Route zu Partner A
  • WENN quelle = „Empfehlung" DANN priorität = hoch
  • WENN streitwert > 100000 DANN Route zu Senior-Team

Stärken:

  • Vorhersagbares Verhalten jedes Mal
  • Leicht gegenüber Partnern zu erklären
  • Keine Trainingsdaten erforderlich
  • Funktioniert ab Tag 1
  • Einfach zu prüfen und anzupassen

Schwächen:

  • Kann Nuancen in Freitextbeschreibungen nicht verarbeiten
  • Erfordert gut strukturierte Eingabefelder
  • Versagt bei unvollständigen oder chaotischen Daten
  • Neue Bedingungen hinzufügen = manuelle Arbeit

Was KI-Screening tatsächlich tut

KI-Screening nutzt maschinelles Lernen, um Anfragen basierend auf Mustern in historischen Daten zu klassifizieren.

Was es erkennen kann:

  • Rechtsgebiet aus unstrukturierten Fallbeschreibungen
  • Dringlichkeitssignale in der Sprache (Fristen erwähnt, emotionale Belastung)
  • Qualitätsindikatoren (Detailgrad, Kohärenz, Spam-Muster)
  • Potenzielle Konflikte (Entity Recognition)

Stärken:

  • Verarbeitet chaotische, unstrukturierte Eingaben
  • Verbessert sich mit mehr Daten
  • Erkennt Muster, die Menschen übersehen
  • Skaliert ohne zusätzliche Regeln

Schwächen:

  • Erfordert Trainingsdaten (mindestens Hunderte gelabelte Beispiele)
  • Black-Box-Problem: schwer, einzelne Entscheidungen zu erklären
  • Kann selbstbewusst falsch liegen
  • Braucht laufendes Monitoring und Retraining
  • Höhere Implementierungskosten

Entscheidungsrahmen: 5 Fragen

Frage 1: Wie hoch ist euer monatliches Anfragevolumen?

Volumen Empfehlung
< 50/Monat Nur Regeln. KI-Overhead nicht gerechtfertigt.
50-200/Monat Regeln zuerst, KI für spezifische Pain Points erwägen.
> 200/Monat KI-Screening liefert wahrscheinlich ROI.

Frage 2: Wie strukturiert ist euer Intake-Formular?

Datenqualität Empfehlung
Dropdown-lastig, wenig Freitext Regeln funktionieren gut.
Mix aus strukturiert + Freitext KI für Freitext-Klassifizierung erwägen.
Hauptsächlich Freitextbeschreibungen KI übertrifft Regeln deutlich.

Frage 3: Habt ihr historische Daten?

KI braucht Trainingsbeispiele. Wenn ihr habt:

  • < 100 gelabelte historische Anfragen: Mit Regeln starten
  • 100-500 gelabelte Beispiele: KI möglich, aber eingeschränkt
  • 500 gelabelte Beispiele: KI kann effektiv sein

Keine historischen Daten? Regeln sind eure einzige Option, bis ihr einen Datensatz aufbaut.

Frage 4: Wie teuer sind Routing-Fehler?

Fehlerkosten Empfehlung
Niedrig (einfache Neuzuweisung) KI akzeptabel, Fehler werden korrigiert
Mittel (Verzögerungen, Mandanten-Frustration) Regeln für High-Stakes, KI für Triage
Hoch (verpasste Fristen, Haftungsrisiko) Regeln mit Human Review, KI nur als Unterstützung

Frage 5: Wie ist eure technische Kapazität?

Technische Ressourcen Empfehlung
Keine dedizierte IT Regeln in bestehenden Tools (CRM, Kanzleisoftware)
Etwas technischer Support Low-Code KI-Tools mit Regeln-Fallback erwägen
Starkes technisches Team Custom KI-Modelle möglich

Der Hybrid-Ansatz (meist am besten)

Die meisten Kanzleien profitieren von einer Kombination:

Ebene 1: Deterministische Regeln (läuft immer zuerst)

  • Bekannte Empfehlungsquellen direkt routen
  • High-Value-Mandate basierend auf expliziten Indikatoren flaggen
  • Rechtsgebiet-Routing aus Dropdown-Auswahl anwenden
  • Compliance-Regeln durchsetzen (Konflikte, Zuständigkeit)

Ebene 2: KI-Screening (für uneindeutige Fälle)

  • Rechtsgebiet aus Freitext-Beschreibungen klassifizieren
  • Dringlichkeitssignale in Sprache erkennen
  • Lead-Qualität scoren
  • Routing vorschlagen, wenn Regeln nicht entscheiden können

Ebene 3: Human Review (für Grenzfälle)

  • KI-Konfidenz unter Schwellenwert
  • High-Stakes-Mandate
  • Neue Falltypen
  • Potenzielle Konflikte geflaggt

Implementierungsreihenfolge:

  1. Mit Regeln starten, die 60-70% der Fälle abdecken
  2. Identifizieren, wo Regeln versagen oder Engpässe entstehen
  3. KI für diese spezifischen Lücken hinzufügen
  4. Beide überwachen und verfeinern

Bewährte Muster

Muster A: Regeln + KI-Triage

  • Regeln übernehmen eindeutiges Routing
  • KI scored Lead-Qualität für Follow-up-Priorisierung
  • Mensch reviewt KI-geflaggte Grenzfälle

Muster B: KI zuerst, Regeln überschreiben

  • KI klassifiziert alle eingehenden Anfragen
  • Regeln überschreiben KI für spezifische Bedingungen (VIP-Quellen, Compliance)
  • Reduziert manuelle Arbeit bei Beibehaltung der Kontrolle

Muster C: Parallele Verarbeitung

  • Regeln und KI verarbeiten jede Anfrage
  • Diskrepanzen werden für Human Review geflaggt
  • Nützlich während der KI-Testphase

Red Flags: Wenn KI oversold wird

Seid skeptisch, wenn ein Anbieter verspricht:

„Unsere KI erledigt alles automatisch"
Realität: Ihr braucht trotzdem Fallback-Regeln und Human Review.

„Keine Trainingsdaten erforderlich"
Realität: Generische Modelle funktionieren schlecht für Legal Intake. Eure Daten sind anders.

„100% Genauigkeit"
Realität: Kein Klassifizierungssystem ist 100% genau. Was zählt, ist Fehlerbehandlung.

„Einmal einrichten und vergessen"
Realität: KI-Modelle degradieren über Zeit. Laufendes Monitoring ist erforderlich.


Implementierungs-Checkliste

Für regelbasiertes Routing

  • Alle Routing-Szenarien mappen (wer bearbeitet was)
  • Klare Bedingungen definieren (keine Mehrdeutigkeit)
  • Eskalationspfade für nicht-gematchte Fälle bauen
  • Mit historischen Daten testen
  • Alle Regeln für Wartung dokumentieren
  • Monitoring für nicht-geroutete Anfragen einrichten

Für KI-Screening

  • Historische Datenqualität prüfen
  • Klassifizierungskategorien definieren
  • Trainingsdaten labeln (min. 100+ Beispiele pro Kategorie)
  • Konfidenz-Schwellenwerte setzen
  • Fallback zu Regeln für Low-Confidence-Fälle bauen
  • Laufendes Retraining planen
  • Modellverhalten für Compliance dokumentieren

Kostenvergleich

Faktor Nur Regeln KI-Screening
Setup-Kosten Niedrig Mittel-Hoch
Laufende Wartung Manuelle Regel-Updates Modell-Monitoring + Retraining
Skalierbarkeit Linear (mehr Regeln = mehr Arbeit) Sublinear (Modell handhabt Komplexität)
Fehlerkosten Vorhersagbar Kann überraschend sein
Erklärbarkeit Hoch Niedriger

Nächster Schritt

Vor der Entscheidung für KI diese Fragen beantworten:

  1. Welcher Prozentsatz der Anfragen wird von aktuellen Regeln korrekt bearbeitet?
  2. Wo genau versagen Regeln?
  3. Habt ihr historische Daten, um KI zu trainieren?
  4. Wie hoch ist eure Toleranz für KI-Fehler?

Wenn Regeln 80%+ korrekt bearbeiten und ihr keine Trainingsdaten habt: Regeln zuerst optimieren.

Wenn Regeln bei Freitext-Klassifizierung scheitern und ihr Daten habt: KI für diese spezifische Lücke explorieren.

Leitfaden: Intake-Routing für Kanzleien

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